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Naturns - "Ewig treu dem Führer" - Operation "Schwarzer Fleck"
Mit der Operation „Schwarzer Fleck“ hat die Bozner Polizei eine Gruppe von Vinschger Neonazis
ausgehoben, die unter dem Signum „Naturnser Hitlerjugend“ (N.H.J.) auftreten. Die Ermittlungen
haben ein Bild ergeben, das mehr als beunruhigend ist: Fremdenhass, Gewalt gegen Ausländer
und „Linke“, Verherrlichung des Nationalsozialismus und offene Einschüchterung der Opfer.
In den Ermittlerkreisen ist man sich sicher: „Diese Burschen sind gefährlich, und sie gehören hinter Gitter.“ Mehr will man nicht sagen. Nur so viel: „Die Aktion ist noch lange nicht beendet.“ Derzeit prüfen zwei Gerichte die Ermittlungsergebnisse: die Staatsanwaltschaft Bozen und die Staatsanwaltschaft am Jugendgericht. „Es könnte in der nächsten Zeit einiges passieren“, heißt es dort.
Die Geschichte ist nur teilweise bekannt. Im Juli hat man sich in der Landesregierung mit einem bis dahin streng geheimen Problem beschäftigt. Jugendliche haben in Naturns eine neonazistische Gruppe mit dem Namen „Naturnser Hitlerjugend“ gegründet. Die Details, innerhalb der Landesregierung diskutiert, waren für manchen Politiker ein echter Schock. Auch SVP-Obmann Richard Theiner hat sich der Sache angenommen.
Wie ernst die Thematik ist, zeigt das, was im letzten Jahr rund um Naturns passiert ist. Denn die „Naturnser Hitlerjugend“ (NHJ) ist eine Gruppe von Naziskins, die den Fremdenhass, die Gewalt gegen Ausländer und „Linke“ nicht nur kultivieren, sondern auch ausleben. Dabei gehören planmäßige Angriffe auf Andersdenkende genauso zum Repertoire der Neonazis wie die Einschüchterung der Opfer dieser Gewalttaten.
Die Ermittlungen der „Abteilung Allgemeine Ermittlungen und Sondereinsätze“ (DIGOS) der Bozner Quästur sind noch streng geheim. Sie laufen unter dem Decknamen „Operation: Schwarzer Fleck“. Betroffen sind davon 16 Personen. Sieben davon sind zwischen 18 und 25 Jahre alt. Die restlichen acht Personen sind minderjährig. Die Jüngsten sind 16, die Ältestens werden 18 Jahre alt. Die „Tageszeitung“ kann anhand der Informationen, die der Landespolitik vorliegen, detailliert nachzeichnen, was in den vergangenen Jahren rund um Naturns passiert ist.
Dass die „Naturnser Hitlerjugend“ überhaupt aktenkundig wurde, ist eigentlich einem Zufall zu verdanken. Seit Langem wissen die Behörden, dass es im Raum Naturns eine aktive und gewaltbereite Gruppe von Naziskins gibt. Am 12. Oktober 2008 rücken die Carabinieri von Latsch zu einem Einsatz aus. Am Bahnhof waren einige Fensterscheiben in der Wartehalle beschädigt worden. Die Ordnungshüter forschen drei minderjährige Naturnser als Täter aus. Bei der Durchsuchung finden die Carabinieri bei einem der drei einen Ausweis der N.H.J. Der Ausweis mit Namen und Geburtsdatum weist den Jugendlichen als „Offizielles Mitglied bei der Naturnser Hitlerjugend“ aus.
Damit starten die Ermittlungen gegen die Naturnser Neonazis. Es gelingt, 16 aktive Mitglieder der „Naturnser Hitlerjugend“ auszuforschen. Wobei zwei Personen ganz maßgeblich den Ton angeben: der 19-jährige Dominik Fabian Defatsch und der 21-jährige Patrick Brunner. Sie werden auch von den Ermittlern als treibende Elemente der „Naturnser Kameradschaft“ angesehen. Einer aus der Gruppe sagt vor der Polizei aus, dass sich die Mitglieder der Kameradschaft alle zwei Wochen träfen, um über „Nazithemen“ zu diskutieren. Genannt würden dabei Themen zur Rassendiskrimierung, gegen die Ausländer und ganz besonders gegen die Juden.
Der Anführer der „Naturnser
Hitlerjugend“ hat sich „Sturm 18“ auf den Nacken tätowieren lassen. 18 steht für die Initialen von Adolf Hitler.
„Polacken-Fock“, „Ausländer,
geh heim!“, „Scheiß Neger“ und
„Du Jude“ sind die Beschimpfungen,
die die Mitglieder der „Naturnser
Hitlerjugend“ zwischen die
Schläge und Fußtritte
einstreuten, die sie drei
jungen Männern
verpassten.
Ihre virtuelle Spielwiese hat die Naturnser Gruppe im Internet. Alle Mitglieder sind auf der bekannten Kommunikationsplattform „Netlog“ eingetragen. Schon ihre Nicknamen weisen dabei aber in eine konkrete Richtung: So nennt sich Dominik Fabian Defatsch „Hurrican88“. 88 steht dabei in der bekannten Naziterminologie für den achten Buchstaben im Alphabet. 88 steht damit für HH als Abkürzung für „Heil Hitler“. Patrick Brunner nennt sich „88Alkoholiker88“, ein anderes Mitglied „88Gegga88“ oder „Diets88“. Ein anderer nennt sich „Terrormaschine88“.
Im Netlog kann man eigene Gruppen oder so genannte „Clans“ bilden, zu denen nur angemeldete Mitglieder Zugang haben, wenn sie von den Clanverwaltern zugelassen werden. Der Clan mit dem Titel „88 NHJ 88“ oder ausgeschrieben „Gesellschaft Naturnser Hitlerjugend“ war die Plattform, auf der die Gruppe im Internet ihre politischen Ansichten dann auslebte. Neben Fotos von Adolf Hitler, Rudolf Hess, Heinrich Himmler und Josef Mengele waren immer wieder die einschlägigen Zeichen der Neonazis zu sehen. Der KZ-Spruch „Arbeit macht frei“ findet sich zwischen Schützenbildern und Hakenkreuzen. Neben eindeutigen Nazisvideos werden Songs und Bilder der Buches „vermächtnis“ wie auch Schützenaufmärsche gezeigt.
In dem geschlossenen Blog laufen dann die Diskussionen. Dabei heißt es wieder „Heil Hitler“. Man ruft zum Kampf gegen die „Antifa“ auf und schürt offen den Rassenhass. Immer wieder tauchen Nazisprüche und einschlägige Symbolik auf. Die Gruppe zieht sich seit Langem mit den Klamotten der rechten Szene an. Pullover mit der Aufschrift „Pitt Bull Germany“ oder „Divison 88“ gehören ebenso zum Alltag wie Leibchen mit der Aufschrift „White Power“ oder „Sieg Heil“.
Im Frühjahr 2009 passiert dann etwas, was die Naturnser Neonazis eigentlich aufschrecken müsste. Am 20. Februar 2009 greift Dominik Fabian Defatsch auf einem Faschingsfest in Kastelbell einen 17-jähirgen Vinschger an und schlägt ihn brutal zusammen. Knapp einen Monat später wird der Anführer der „Naturnser Hitlerjugend“ an seinem Arbeitsplatz am Gardasee deshalb verhaftet. Bei einer Hausdurchsuchung werden die üblichen Nazi-Devotionalien wie Fahnen und dergleichen gefunden. Wie sehr Defatsch in der Nazi-Ideologie aufgeht, zeigt sich an der Tatsache, dass er sich „Sturm 18“ auf den Nacken tätowieren hat lassen. 18 steht für die Initialen von Adolf Hitler“, (1 steht für „a“ als erstem Buchstaben im Alphabet, die 8 für „h“ als achtem Buchstaben). Innerhalb der Gruppe wird Defatsch deshalb auch immer wieder mit „18er“ angeredet.
Der NHJ-Chef wird kurzzeitig eingesperrt und dann in Bozen – bei einer sozialen Korporative – unter Hausarrest gestellt. Die Medien berichten groß über die „Verhaftung des Chefs der Vinschger Neonazis“. Wenige Tage später löst man im Internet den Clan „Naturnser Hitlerjugend“ auf. Unter dem Signum „D.S.T.“ entsteht aber eine neue Gruppe, in die die gesamte Kameradschaft wechselt. Das Passwort, um in die Gruppe zu kommen, lautet „Deutschland“ und die Identifikationsnummer „1488“. Es ist ein bekannter Neonazi-Code. Die 14 Wörter des amerikanischen Neonazis David Lane: „Wir müssen die Existenz unseres Volkes sichern und eine Zukunft für unsere weißen Kinder.“ Dazu 88 für Heil Hitler.
Im DST-Forum tauchen dann die bekannten Nazisprüche auf: „Meine Ehre heißt Treue, Treue und Ehre bis zum Tod, ewig treu dem Führer“ oder „Deutschland, schwarz, weiß, rot, Blut und Ehre bis zum Tod“.
Der Naturnser Administrator der Gruppe schreibt: „Wir wollen in diesem Clan die alten Zeiten der NHJ wieder erwecken.“ Wenig später stellt einer der Naturnser Burschen ein Video in das geschlossene Netz, das zwei Mitglieder der NHJ beim Bau und beim Testen von Molotowcocktails zeigt. Auch Dominik Fabian Defatsch gibt trotz Verhaftung und Hausarrest nicht auf. Er schreibt: „Ich bin wieder auf freiem Fuß nach neun Tagen Aufenthalt im Hotel mit null Sternen des Bozner Knasts. Immer Feuer. 28 forever. Wir müssen standhaft bleiben!“ 28 steht für die verbotene Neonazi-Gruppe „Bloody and Honour“.
Die Naturnser Neonazis toben sich aber nicht nur im Internet aus. Mehrmals kommt es im Frühjahr und Frühsommer 2009 zu gezielten Provokationen und Schlägereien gegen Ausländer und Mitglieder der „Antifa“.
In der Nacht vom 23. Mai 2009 kommt es auf dem Bahnhof in Staben zu einem Zusammenstoß zwischen der Naturnser Nazigruppe und einer Gruppe von so genannten „Linken oder Autonomen“. Weil die Nazis anfänglich in der Minderheitsind, fordern sie telefonisch Kameraden zur Verstärkung an. Nur das Eingreifen eine Carabinieristreife verhindert eine Eskalation. In den Monaten vorher und danach registrieren die Ermittler mehrere Gewalttaten und Schlägereien.
Am 6. Juli 2009 ist auf dem Beach-Volley-Platz in Rabland ein großes öffentliches Fest angesagt. Die Naturnser Neonazis planen für diesen Abend die „große Abrechung“. Am Ende des Festes werden drei junge Vinschger, einer davon ein gebürtiger Pole, angestänkert. Als die drei Richtung Bahnhof gehen, um einen Bus zu erreichen, werden sie auf der Brücke über die Etsch von einem Haufen Neonazis erwartet. Defatsch & Co. schlagen die drei jungen Männer brutal zusammen. „Polacken-Fock“, „Ausländer, geh heim!“, „Scheiß Neger“ und „Du Jude“ sind Beschimpfungen, die die Nazis zwischen die Schläge und Fußtritte einstreuen. Als die drei Opfer von den Carabinieri angehört werden, schildern sie den Vorfall in allen Details. Keiner von den Dreien will aber Anzeige erstatten. „Ich habe Angst, es zu tun, denn diese Leute sind gefährlich, und ich habe Angst, dass sie gegen mich vorgehen“, sagen alle drei mehr oder weniger wörtlich. Das zeigt, welche Angst die Naturnser Neonazis inzwischen verbreiten. „Es ist an der Zeit, dass wir durchgreifen“, sagt ein Ermittler, „bevor noch Schlimmeres passiert“.
Profil von Dominik Fabian Defatsch:
„Wir müssen standhaft bleiben.“
„Ich habe Angst Anzeige zu
erstatten, denn diese Leute sind gefährlich und ich habe Angst, dass sie gegen mich
vorgehen“
Ein Opfer
Internet-Profil von „14Terrormaschine88“:
Waffen-SS, Ku-Kluxs-Klan und Odalstune
Quelle: Die Neue Südtiroler Tageszeitung vom 04.09.2009


