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Bozen - "Wir entscheiden diese Wahl"
Landtagswahl 08: Samuel Georges Ngang Mbile, Florinda Ceklijej, Ghazanfar Abbas-Ghazi, Irma Jatagani – ff zeigt vier Gesichter eines „Problems“, das die Gemüter erhitzt. Und wahlentscheidend ist.
Wenn ich sehe, was in Österreich passiert ist, dann hat es tatsächlich den Eindruck, als würden wir Ausländer die Wahlen entscheiden.“ Samuel Georges Ngang Mbile sitzt im Kaminzimmer des Hotels Vigilius und muss schmunzeln, wenn das Thema von seiner Biografie (siehe Seite 21) auf die Politik schwenkt.
Georges hat viel von dem mitgemacht, was derzeit Dauerthema ist: die Einwanderung, der Kampf um Visen und Arbeitsgenehmigungen, die Anpassung an eine völlig fremde Umgebung, die vorschnellen Urteile und Vorurteile, „gegen die kein Kraut gewachsen ist“, wie er in perfektem Deutsch einräumt.
Georges ist jetzt Restaurantchef – und das auch noch auf 1.500 Metern Meereshöhe. Von hier aus kann er relativ gelassen mitansehen, wie sich in unserem Land ein Thema hochschaukelt, in dem er und seinesgleichen unfreiwillig in die Hauptrolle gedrängt worden sind. Er hat gelernt, dass es immer das Beste ist, die Dinge beim Namen zu nennen. Von Schönrederei hält er gar nichts.
Man hat fast den Eindruck, einem Pius Leitner zuzuhören oder einem Roland Atz. Aber es ist dieser Schwarzafrikaner namens Samuel Georges Ngang Mbile, der da spricht: „Es verwundert mich nicht, dass wir Ausländer auch in diesem herrlichen Land, das Südtirol sind, zum vielleicht entscheidenden Wahlkampfthema geworden ist. Das Thema ist erstens zu lange totgeschwiegen worden. Und zweitens ist es nun mal so, dass viele Ausländer, vielleicht zu viele, die Situation ausnutzen und Dienstleistungen beanspruchen, die ihnen nicht zustehen.“
Innerhalb von nur zehn Jahren hat sich die Anzahl der Ausländer in Südtirol mehr als verdreifacht. Das Phänomen ist – wie andernorts auch – völlig unkontrolliert über Land und Leute hereingebrochen. Laut Landesinstitut für Statistik lebten Ende 2007 32.945 Ausländer in Südtirol. Das sind 16 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Die Gemeinden mit dem höchsten Ausländeranteil sind Salurn (17,3 Prozent), Franzensfeste (15,1), Meran (12,6), Brenner (11,0) und Bozen (9,9 Prozent).
Über zwei Drittel der Ausländer sind jünger als 40 Jahre, ihre Geburtenrate ist nahezu doppelt so hoch wie jene der Südtiroler. Ausländer haben in der Regel ein geringes Einkommen – benötigen also überdurchschnittlich häufiger eine finanzielle Unterstützung als einheimische Familien. In absoluten Zahlen sind die Geldmittel, die in Form von Sozialhilfe, Mietzuschüssen und Kindergeld an Ausländer bezahlt werden, relativ bescheiden. Slogans wie folgende sorgen trotzdem für Empörung in der Bevölkerung: „38 Prozent des Wohngeldes und 36 Prozent der Gelder zur Erreichung des Lebensminimums gehen an Ausländer.“ (Die Freiheitlichen)
Obwohl der Ausländer wegen kein Südtiroler auf das Lebensminimum oder auf das Wohngeld verzichten muss, obwohl kein Ausländer einem Südtiroler den Arbeitsplatz streitig macht, jedenfalls kein Nicht-EU-Bürger, die meist Tätigkeiten ausführen, die Südtiroler meiden, lassen sich mit Parolen gegen Ausländer Wahlen gewinnen. Auch in Südtirol?
Umfragen zufolge ist die Tendenz, Parteien zu wählen, die das Ausländerthema auf ihre Flaggen hissen, kurioserweise dort am stärksten, wo die Zahl der Ausländer am niedrigsten ist. Beispiel Sarntal. Sarntal liegt mit einem Ausländeranteil von 1,9 Prozent am untersten Ende aller Südtiroler Gemeinden. Trotzdem treibt das Feindbild Ausländer gerade dort viele Wähler zu den Freiheitlichen.
Georges kennt das Phänomen aus Paris, wo – wie er weiß – in der U-Bahn oft mehr Schwarze sitzen als Weiße. Er ist weder überrascht noch besorgt: „Das Einwanderungsphänomen verändert eine Gesellschaft. Veränderungen machen Angst. Ich denke, die Südtiroler sind intelligent genug, um mit dieser Angst, die zum Teil berechtigt ist, richtig umzugehen.“
Fonte: FF - Südtiroler Wochenmagazin da 09/10/2008


