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Eine Klasse, zwei Sprachen
Schulversuch: Seit einem Jahr gibt es an einer italienischen Grundschule eine mehrsprachige Klasse. Jetzt wird darüber erstmals offen geredet. In der deutschen Schule darf man es nicht tun. Sagt die Südtiroler Volkspartei und mit ihr Schulamtsleiter Peter Höllrigl. In der italienischen Schule tut man es auf der
Grundlage eines Beschlusses der Landesregierung und auf der Grundlage des Gesetzes zur Autonomie der Schule. Die Landesregierung
genehmigte das Vorhaben erst, als das Schuljahr
2006/2007 schon begonnen hatte. „Es
waren“, so heißt, „zähe Verhandlungen“, bis
die Landesregierung ein scheinbar harmloses
Projekt genehmigte. Was ist, fragte man sich,
wenn es Schule macht? Wenn noch mehr
Schulen eine zweisprachige Sektion einrichten
wollen?
Zu Beginn des vergangenen Schuljahres
hat man in der Grundschule „Manzoni“ in der
Rovigostraße in Bozen in einer ersten Klasse
ein „trojanisches Pferd“ aufgestellt (ff 2/07).
Der Unterricht wird in dieser Klasse zur Hälfte
auf Deutsch und Italienisch abgehalten – mit
zwei Stunden Englisch. Ein Projekt, das auf
fünf Jahre ausgelegt ist – die mehrsprachige
Schule in Südtirol ist schon eine Realität,
wenn auch nur eine winzige. Sie betrifft pro
Jahr 22 Schülerinnen und Schüler, die zumeist
aus mehrpsprachigen Familien stammen.
Drei Fachleute begleiten das Projekt in
Bozen – die Zweitspracheninspektorin Rita
Gelmi, der Universitätsprofessor Siegfried
Baur und Ingeborg Baur-Polo, ehemalige
Stadträtin für Schule in der Gemeinde Bozen,
Exponentin der Südtiroler Volkspartei.
Sie steht inzwischen dem Projekt von zweisprachigen
Klassen weitaus aufgeschlossener
gegenüber als früher.
Aber so klein diese Realtität auch sein mag,
so heikel ist das Unterfangen. Derart heikel,
dass Mirca Passarella, Direktor in der Schule
und mit den Tücken des Spracherwerbs in
Südtirol bestens vertraut, dazu zu Jahresbeginn
noch keine Stellungnahme abgeben
wollte – in Sprachangelegenheiten wird es in
Südtirol schnell ungemütlich.
Jetzt stellen sich Passarella und Andreas
Werth, der den Schulversuch koordiniert
und ab heuer selber mit seiner Kollegin Sonia
Fiorentino in der zweisprachigen Klasse
unterrichtet, erstmals den Fragen zum Projekt
der „bilingualen Sektion“, wie die Klasse
unterkühlt im Bürokratenjargon heißt. „Das
Projekt“, sagt Mirca Passarella, „steht gesetzlich auf soliden Grundlagen.“ Es scheint ihr
wichtig, das zu herauszustreichen. Sie sagt es
so, als wäre zu befürchten, als würde das jemand
anzweifeln. Doch der Rekurs der Union
für Südtirol gegen eine Stunden Italienisch
in den ersten Klassen der deutschen Grundschule
belegt, dass in Südtirol nicht nur mit
Argumenten, sondern auch mit juridischen
Spitzfindigkeiten um die Sprache gekämpft
wird.
Andreas Werth wird die zweisprachige
Klasse an der „Manzoni“ auch beim internationalen
Kongress Sprachentwicklung und
Sprachförderung vorstellen, der vom 20. bis
22 August an der Universität in Brixen tagt
(siehe Kasten). Dort wird er dann erzählen,
dass in seiner Klasse Mathematik, Geschichte,
Sozialkunde oder bildnerisches Gestalten auf
Italienisch unterrichtet wird und Naturkundiede, Geografie, Leibeserziehung oder Musikerziehung
auf Deutsch, er wird erzählen, dass
die Eltern Feuer gefangen haben, so dass sie
sechs Mal im Jahr zu Elternversammlungen
kommen, dass die Nachfrage so groß ist, dass
man das Schuljahr mit drei bilingualen Klassen
beginnen könnte.
Jedes Jahr werden in der „Manzoni“, einer
der größten Grundschulen in Bozen, an die
100 Kinder neu eingeschult. Im Herbst beginnt
man mit einer weiteren „bilingualen“
Klasse. „Wir müssen“, sagt Mirca Passarella,
„zuerst die Kinder aufnehmen, die im Stadtviertel
ansässig sind.“ Man kann davon ausgehen,
dass es einige Anfragen von Eltern gibt,
die in anderen Stadtvierteln wohnen. Manche
Eltern wollten gar schon wissen, wie es
in der Mittelschule weitergeht. Dort wäre die
Sache allerdings erheblich komplizierter, weil Naturkundie
Fächer (oder Fächerkombinationen) von
je einem Lehrer unterrichtet werden.
Die Wissenschaft ist sich mittlerweile einig.
Der Erwerb mehrerer Sprachen gleichzeitig
stärkt die Kinder, macht sie aufnahmefähiger,
ihre Leistungen sind durchaus besser als die
von Klassen, in denen eine Unterrichtssprache
vorherrscht. Eine mehrsprachige Pädagogik,
so Experten, fördere die geistige Flexibilität
der Kinder und stärke ihre Fähigkeit zur
analytischem und abstraktem Denken. Das ist
wissenschaftlicher Standard, der nur in Südtirol
noch bisweilen angezweifelt wird. Eine
Sprache fördert die andere, sagen die Erziehungswissenschaftler.
In der „Manzoni“ hat
man jedenfalls festgestellt, dass zwei Sprache
das Erlernen einer dritten erleichtern. Und
nicht nur das.
Nach einem Jahr war es für die Kinder normal,
dass die Lehrpersonen von einer Sprache
in die andere wechseln. Ja noch mehr. „Es zeigt
sich“, schreibt Andreas Werth in einer ersten
Bilanz, „dass die Schüler zwischen den Aktivitäten
in deutscher und jener in italienischer
Sprache deutlich differenzieren ...“ Die Konzentration
auf die Sprache, so führen Kritiker
gerne ins Feld, führe zur Vernachlässigung des
Stoffes. Die Praxis widerlegt diese Annahme.
„Es sind“, heißt es etwas umständlich, „keine
Rückstände im Fachwissen aufgetreten.“ Man
habe auch keine negativen Auswirkungen auf
die Muttersprache festgestellt.
Die Kinder lernten noch mehr: „Am Ende
des Jahres waren die Kinder imstande, alles
zu verstehen“. Seitdem beide Sprache in der
Schule gleich behandelt werden, hat auch die
Deutschlehrerin einen anderen Status: Sie
wird von den Kindern als gleichwertig angesehen.
„Das“, sagt Passarella ist ein besonderer
Fortschritt“. Das Ziel des Schulversuchs ist
nicht nur der „vielsprachige Schüler“, sondern
auch der „vielsprachige Lehrer“, der von einer Sprache in die andere wechseln kann. Bisher
ist man in der Sprachwissenschaft vom Prinzip
ausgegangen, dass ein Lehrer ja nicht die
Sprache wechseln soll.
Auch die Eltern und die Lehrer haben sich
einen Ruck gegeben, mehr von der Sprache
des Nachbarn zu verstehen, die „Tücken der
Nähe“ zu überwinden. Bei den Schulkonferenzen
bemüht man sich neuerdings um
Zweisprachigkeit, Eltern haben sich für einen
Sprachkurs angemeldet, um Deutsch besser
zu erlernen. In der Schule ist man sich allerdings
bewusst, dass man nach einem Jahr nur
eine höchst vorläufige Bilanz ziehen kann. Erst
nach drei Jahren“, sagt die Direktorin, „werden
wir wissen, wo wir stehen.“
Die Gleichwertigkeit der Sprachen im Unterricht
hat Bewegung in die Klasse gebracht.
Die Kinder helfen und korrgieren sich gegenseitig,
sie fungieren bei Schwierigkeiten als
Übersetzer. „Das passive Sprachverständnis“,
so Werth, „hat sich in den ersten Monaten
enorm entwickelt und stellte am Ende kein
Problem mehr dar.“ Nur das aktive Sprachvermögen
muss erst noch entwickelt werden.
Macht das Beispiel „Manzoni“ Schule? Die
deutsche Schule hat jedenfalls bisher noch allen
Anfechtungen widerstanden. Der Artikel
19, der den Unterricht in der eigenen Muttersprache
garantiert (aber nicht vorschreibt),
scheint für die deutsche Schule in Südtirol in
Granit gehauen. Über jede deutsche Schule,
die eine zweisprachige Klasse wagte, würde
ein Sturm der Entrüstung hereinbrechen.
In der italienischen Schule hingegen wirkt
Mehrsprachigkeit ansteckend. Im Herbst
startet man an der Grundschule „Longon“
in Bozen und an der Grundschule Laag mit
einer mehrsprachigen Sektion. Mirca
Passarella ist davon überzeugt, „dass es keinen
Weg zurück mehr gibt.“
Quelle: FF - Südtiroler Wochenmagazin vom 16.08.2007


