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Panorama, 12/07/2010 11:15
Sechs Monate nach dem Erdbeben in Haiti: Leben inmitten von Trümmern

Ein halbes Jahr nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti ist die Lage im Katastrophengebiet weiter dramatisch. Trümmer und Müll bedecken die von Häuserskeletten gesäumten Straßen in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince. Dennoch muss das Leben weitergehen. Hilfsorganisationen wie die Caritas versorgen hunderttausende Menschen mit Essen, Kleidung, Notunterkünften und Hausrat. Die Caritas Diözese Bozen-Brixen kann sich dank der fast 1,6 Millionen Euro an Spendengeldern aus Südtirol an der Nothilfe und am Wiederaufbau beteiligen. Die Mitarbeiterin der Caritas Diözese Bozen-Brixen, Maria Lobis, hat sich vor Ort über den Einsatz der Spenden aus Südtirol informiert.


Genau sechs Monate sind vergangen, seit ein verheerendes Erdbeben den Karibikstaat Haiti verwüstet hat. Fast 215.000 Menschen sind dabei gestorben, zehntausende Menschen wurden zum Teil schwer verletzt und verstümmelt. Drei Millionen Menschen haben ihr (meist) weniges Hab und Gut verloren. Die Hauptstadt Haitis und die umliegenden Ortschaften sind Trümmerfelder. Rund die Hälfte der Häuser in Port-au-Prince sind beim Beben wie Kartenhäuser zusammengebrochen. Ein weiteres Viertel der Gebäude muss abgerissen werden, da sie einsturzgefährdet sind und nicht ohne Gefahr betreten werden können.

„Nach wie vor sind vielen Straßen aufgrund von herumliegenden Steinbrocken, Geröllhalden und Müll nicht befahrbar. Das Ausmaß der Katastrophe ist auch ein halbes Jahr nach dem Beben nicht fassbar. Die lokalen Verantwortungsträger und die Weltgemeinschaft stehen einer immensen Herausforderung gegenüber“, berichtet die Mitarbeiterin der Südtiroler Caritas, Maria Lobis. Sie ist vor kurzem von einem Lokalaugenschein im Erdbebengebiet zurückgekehrt. „Inmitten der Trümmer gestalten die Menschen ihren Alltag. Der Gestank, der durch Port-au-Prince zieht, war manchmal fast nicht auszuhalten. Es braucht vor allem Infrastruktur: es braucht Wasserleitungen, sauberes Trinkwasser, Abflusssysteme, Krankenhäuser, Schulen, Straßen und eine Lösung für das Müllproblem.“

Die Regenzeit hat die Probleme der Menschen verschärft. „Wiesen und geteerte Plätze, auf denen spontane Zeltplätze entstanden sind, wurden teilweise überschwemmt und vermurt. Viele Menschen stehen erneut vor dem Nichts. Mücken und Ungeziefer provozieren Krankheiten.“ Und doch muss das Leben weitergehen. Maria Lobis ist beeindruckt vom Überlebenswillen der Menschen: „In Zelten, unter Planen und Bretterverschlägen hausen die Familien. Die Menschen kämpfen vor allem für ihre Kinder, die es besser haben sollen“, schildert die Caritas-Mitarbeiterin ihre Eindrücke. Ein Überleben sei ohne die Unterstützung von zahlreichen Hilfsorganisationen, die nach wie vor in Haiti im Einsatz sind, kaum möglich. Hunderttausende Menschen werden seit dem Erdbeben mit Lebensmitteln, sauberem Wasser, Hygieneartikeln, Decken und Zelten versorgt. „Die staatlichen Institutionen und die internationale Gemeinschaft müssen ihren Einsatz verstärken, sonst wird Haiti in den nächsten Jahren in Armut versinken“, befürchtet Maria Lobis.

Das Internationale Caritas-Netzwerk, in das die Caritas Diözese Bozen-Brixen eingebunden ist, war bereits vor dem Erdbeben auf Haiti aktiv und konnte daher sofort nach dem Beben Nothilfe leisten. Die Südtiroler Caritas kann sich dank der Solidarität und Hilfsbereitschaft von 8.000 SpenderInnen aus Südtirol, die 1.592.568 Euro auf die Konten der Caritas eingezahlt haben, daran beteiligen. Das Spendenaufkommen für die Menschen in Haiti war das drittgrößte in der Geschichte der Südtiroler Caritas (nach Tsunami und Kosova).

Mehrere Teams von erfahrenen KatastrophenhelferInnen haben mit Unterstützung von Freiwilligen sofort nach dem Erdbeben begonnen, Sammelstellen in 32 Pfarreien in Port-au-Prince, Jacmel, Leogane und Grosse Morne einzurichten. Dort werden seither Hilfsgüter an die Menschen verteilt. 60.0000 Menschen in 20 Notfallcamps bekommen sauberes Wasser und psychologische Unterstützung. Insgesamt 500.000 Menschen werden mit Nahrungsmitteln versorgt; 200.000 davon zusätzlich mit Notunterkünften, Hygieneartikeln und Kochutensilien. In Port-au-Prince, Léogâne, Petit-Goâve, Jacmel und Cayes behandeln 38 Ärzte und KrankenpflegerInnen die Verletzten, weitere sieben medizinische Teams sind in mobilen Kliniken im Einsatz. Die Caritas Diözese Bozen-Brixen hat dafür bisher 1.041.967 Euro eingesetzt.

“Wir werden uns in den kommenden Monaten mit weiteren 50.000 Euro an der Nothilfe beteiligen, damit die Menschen in Haiti überleben”, erklärt Caritas-Direktor Heiner Schweigkofler. Daneben beteiligt sich die Südtiroler Caritas an verschiedenen Wiederaufbauprojekten. 250.000 Euro fließen in den Aufbau einer Siedlung für Waisenkinder nach dem uns bekannten Kinderdorf-Modell. Das Projekt wird von den Don-Bosco-Schwestern des Salesianerordens in einem Randbezirk von Port-au-Prince umgesetzt. Sie sind bereits seit 75 Jahren in Haiti aktiv. 150 Waisenkinder und Sozialwaisen bekommen in der neuen Siedlung ein sicheres Zuhause und schulische Bildung. Die Caritas übernimmt dabei die Kosten für zwei von insgesamt zehn geplanten Familienhäusern. Mit weiteren 100.000 Euro wird der Wiederaufbau von drei Krankenhäusern mitfinanziert: „St. François de Sales” und “Notre Dame de Lourdes” in Port-au-Prince und Help Clinic in Leogane. Künftig können dort insgesamt täglich 460 PatientInnen versorgt werden. Mit den übrigen 150.000 Euro werden Wohnhäuser für sozial schwache und besonders bedürftige Familien in Gressier im Außenbezirk von Port-au-Prince errichtet. Rund tausend Häuser bauen europäische Caritas-Organisationen dort im Verbund. Ein Musterhaus wird in den kommenden Wochen fertig gestellt. „Allerdings kann damit erst begonnen werden, wenn die Eigentumsverhältnisse der einheimischen Bevölkerung geklärt sind, die Trümmer weggeräumt, einsturzgefährdete Häuser abgerissen und die notwendigen behördlichen Maßnahmen gesetzt sind“, so Schweigkofler.

Wer die Erdbebenopfer von Haiti weiterhin unterstützen möchte, ist eingeladen, seine Spende unter dem Kennwort “Erdbeben Haiti” online unter www.caritas.bz.it oder auf eines der Spendenkonten der Caritas Diözese Bozen-Brixen einzuzahlen.

Südtiroler Sparkasse: IBAN: IT17X0604511601000000110801
Bank von Trient und Bozen: IBAN: IT66A0324011610000006000065
Raiffeisen Landesverband: IBAN: IT42F0349311600000300200018
Südtiroler Volksbank: IBAN: IT12R0585611601050571000032




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